ZusammenarbeitAnleitung
Teamregeln aufstellen: Anleitung für Working Agreements
Inhalt dieses Artikels

Am Ende dieser Anleitung hat dein Team fünf bis sieben schriftliche Teamregeln, denen alle zugestimmt haben, und einen Termin, an dem ihr sie überprüft. Teamregeln, im agilen Umfeld auch Working Agreement genannt, sind Absprachen, die ein Team selbst über seine Zusammenarbeit trifft: wie es kommuniziert, entscheidet und mit Konflikten umgeht.
Gute Teamregeln sind konkret genug, dass man ihre Einhaltung beobachten kann. „Wir respektieren einander“ ist eine Haltung; „Wir antworten im Teamchat innerhalb eines Arbeitstages“ ist eine Regel.
Wozu Teamregeln dienen
Jedes Team hat Regeln, auch wenn sie nirgends stehen. Wann ist eine Nachricht dringend? Wer entscheidet, wenn zwei sich nicht einig sind? Wie spät darf man zu einem Meeting kommen? Ungeschriebene Regeln kennt jede Person ein bisschen anders, und Neue kennen sie gar nicht.
Teamregeln machen diese Erwartungen sichtbar und damit überprüfbar. Ärger entsteht dann nicht mehr an der Frage, wer recht hat, sondern an einer Regel, die das Team gemeinsam ändern kann. Der Kanban Guide verlangt solche ausdrücklichen Regeln für den Arbeitsfluss: wie eine Aufgabe von einem Zustand in den nächsten kommt. Im Artikel über die Kanban-Methode heißen sie Policies. Teamregeln übertragen dieselbe Idee auf die Zusammenarbeit insgesamt.
Der zweite Zweck ist Selbstbestimmung. Laut Scrum Guide 2020 managt sich ein Scrum Team selbst und entscheidet intern, wer was wann und wie macht. Teamregeln sind der Ort, an dem diese Entscheidungen festgehalten werden, damit sie nicht in jeder Woche neu verhandelt werden müssen.
Was du vorher brauchst
Das ganze Team. Regeln, bei deren Entstehung jemand gefehlt hat, gelten für diese Person nur halb. Such einen Termin, an dem alle können.
Eine Moderation. Am besten jemand, der selbst nicht im Mittelpunkt der Regeln steht, etwa ein Scrum Master oder eine Person aus einem anderen Team. Eine Führungskraft als Moderation verwandelt die Runde leicht in eine Vorgabe.
Material. Karten, Stifte und Klebepunkte oder eine digitale Fläche. Für die Zustimmung braucht jede Person mehrere Punkte.
Einen Anlass. Ein neues Team, eine neue Person, ein Wechsel ins Homeoffice oder ein Konflikt, der sich wiederholt. Ohne Anlass bleiben die Regeln abstrakt.
Teamregeln in sechs Schritten aufstellen
Den Anlass klären
Sag zu Beginn, warum ihr Regeln aufstellt: ein neues Team, eine neue Arbeitsform, wiederkehrender Ärger über dieselben Dinge. Frag nach, ob alle den Anlass genauso sehen. Ein Team, das den Zweck nicht teilt, stellt Regeln auf, die niemand einhält.
Situationen sammeln
Jede Person schreibt still für sich Situationen auf, in denen die Zusammenarbeit geknirscht hat oder besonders gut lief, eine Situation pro Karte. Situationen statt Regeln: „Freitagabend kam eine dringende Nachricht“ ist leichter zu beschreiben als eine abstrakte Regel und zeigt, wo es tatsächlich hakt.
Regeln formulieren
Ordnet die Karten nach Themen, etwa Erreichbarkeit, Meetings, Entscheidungen, Feedback. Formuliert zu jedem Thema eine Regel, deren Einhaltung man beobachten kann: wer, was, bis wann. Aus „bessere Kommunikation“ wird „Fragen im Teamchat beantworten wir innerhalb eines Arbeitstages“.
Auf fünf bis sieben begrenzen
Jede Person verteilt drei Punkte auf die Regeln, die ihr am wichtigsten sind. Die fünf bis sieben Regeln mit den meisten Punkten kommen auf die Liste, der Rest wartet auf die nächste Überprüfung. Mehr Regeln merkt sich niemand.
Zustimmung einholen
Geht jede Regel einzeln durch und fragt, ob jemand einen schwerwiegenden Einwand hat. Gibt es einen, wird die Regel umformuliert, bis niemand mehr widerspricht. Eine Mehrheitsentscheidung reicht hier nicht: Eine Regel, gegen die jemand ist, wird von dieser Person nicht eingehalten.
Sichtbar machen und Überprüfung festlegen
Schreibt die Regeln dorthin, wo das Team ohnehin hinschaut: an das Board, oben in den Teamchat, auf die erste Seite des Teamwikis. Legt sofort einen Termin für die erste Überprüfung fest, als Faustregel nach vier Wochen, und danach etwa einmal im Quartal.
Für das Ordnen, Auswählen und Zustimmen gibt es eigene Moderationstechniken. Wie die Mehrpunktabfrage und die Widerstandsabfrage funktionieren, steht in der Übersicht der Moderationstechniken.
Beispiele für Teamregeln
Die Beispiele zeigen, wie konkret eine Teamregel sein sollte. Übernimm sie nicht einfach, sondern nutze sie als Anregung für eure eigenen Situationen.
Eine gute Teamregel erfüllt drei Bedingungen. Sie ist beobachtbar: Jemand von außen könnte erkennen, ob sie eingehalten wurde. Sie ist erfüllbar: Alle im Team können sie einhalten, auch die Person in Teilzeit oder im Schichtdienst. Und sie löst ein echtes Problem, das in Schritt 2 aufgetaucht ist, statt ein allgemeines Ideal zu beschreiben.
| Bereich | Beispielregel |
|---|---|
| Erreichbarkeit | Fragen im Teamchat beantworten wir innerhalb eines Arbeitstages; nach 18 Uhr erwartet niemand eine Antwort. |
| Fokus | Dienstag- und Donnerstagvormittag sind meetingfrei. |
| Meetings | Jedes Meeting hat vorher eine Agenda; ohne Agenda darf man absagen. |
| Entscheidungen | Entscheidungen, die mehr als eine Person betreffen, stehen mit Datum im Teamwiki. |
| Feedback | Kritik an der Arbeit sprechen wir zuerst direkt bei der Person an, nicht in der großen Runde. |
| Übergaben | Wer krank ist oder Urlaub nimmt, schreibt vorher in zwei Sätzen auf, was liegen bleibt. |
| Konflikte | Wer sich ärgert, spricht es innerhalb einer Woche an oder lässt es los. |
Regeln zur Erreichbarkeit und zu Fokuszeiten hängen eng mit der Zahl der Kanäle zusammen, über die ein Team kommuniziert. Wie du die reduzierst, zeigt der Artikel zum digitalen Minimalismus. In verteilten Teams sind schriftliche Regeln noch wichtiger, weil Absprachen dort nicht nebenbei im Flur entstehen; mehr dazu im Artikel über Remote Work.
Typische Fehler bei Teamregeln
Regeln von oben. Eine Führungskraft, die die Regeln vorgibt und das Team zustimmen lässt, bekommt höfliche Zustimmung und wenig Einhaltung. Teamregeln wirken, weil das Team sie selbst aufstellt.
Zu allgemeine Regeln. „Wir gehen respektvoll miteinander um“ klingt gut, lässt sich aber nicht beobachten. Die Gegenprobe: Könnte eine außenstehende Person erkennen, ob die Regel heute eingehalten wurde?
Zu viele Regeln. Eine Liste mit zwanzig Punkten ist eine Hausordnung, keine Absprache. Bleib bei fünf bis sieben und streich bei jeder Überprüfung, was sich erledigt hat.
Nie überprüft. Regeln, die nach dem Workshop im Wiki verschwinden, geraten in Vergessenheit. Plane die Überprüfung fest ein, etwa als Teil einer Retrospektive.
Verstöße ignoriert. Wenn eine Regel verletzt wird und niemand etwas sagt, ist sie ab diesem Moment eine Empfehlung. Vereinbart deshalb mit den Regeln, wie ihr Verstöße ansprecht.
Varianten: neues Team, Remote-Team, nach einem Konflikt
Neues Team. Wenn sich das Team noch nicht kennt, fehlen die gemeinsamen Situationen für Schritt 2. Sammelt stattdessen Erfahrungen aus früheren Teams: „Was hat dir in einem früheren Team geholfen, was hat dich gestört?“ Plant die erste Überprüfung schon nach zwei Wochen.
Remote-Team. Nutzt eine digitale Fläche und trennt die Phasen strikt: Situationen still sammeln, dann gemeinsam ordnen. Regeln zu Antwortzeiten, Kamera und Kanälen gehören bei verteilten Teams auf die Liste.
Neue Person im Team. Geht die Regeln mit der neuen Person in der ersten Woche durch und fragt, ob ihr etwas fehlt oder unklar ist. Wer neu ist, sieht am deutlichsten, welche Regeln nur noch auf dem Papier stehen. Danach stimmt sie den Regeln wie alle anderen zu, oder ihr passt sie gemeinsam an.
Nach einem Konflikt. Wenn die Regeln einen konkreten Streit beilegen sollen, holt euch eine Moderation von außerhalb des Teams. Formuliert die Regeln für die Zukunft, nicht als Urteil über die Vergangenheit; sonst steht der Konflikt in jeder Regel mit drin.
Weitere Anleitungen für die Zusammenarbeit im Team stehen in der Übersicht.
Fragen und Antworten
Was sind Teamregeln?
Teamregeln sind Absprachen, die ein Team selbst über seine Zusammenarbeit trifft: wie es kommuniziert, Entscheidungen trifft, mit Meetings umgeht und Konflikte anspricht. Sie stehen schriftlich an einem Ort, den alle kennen, und gelten, weil alle zugestimmt haben. Von Vorgaben der Organisation unterscheiden sie sich dadurch, dass das Team sie selbst aufstellt und ändern kann.
Was ist ein Working Agreement?
Working Agreement ist der englische Begriff für Teamregeln, wie er in agilen Teams gebräuchlich ist. Gemeint sind dieselben schriftlichen Absprachen über die Zusammenarbeit. Weder der Scrum Guide noch der Kanban Guide schreiben ein Working Agreement vor; beide gehen aber davon aus, dass ein Team seine Arbeitsweise selbst festlegt und sichtbar macht.
Wie viele Teamregeln sind sinnvoll?
Als Faustregel fünf bis sieben. Mehr Regeln merkt sich im Alltag kaum jemand. Wenn ein Team mehr Bedarf sieht, lohnt es sich, die Regeln nach Dringlichkeit zu ordnen und erst einmal mit den wichtigsten zu beginnen. Weitere kommen bei der nächsten Überprüfung dazu.
Gibt es zehn goldene Regeln für Teamarbeit?
Eine allgemeingültige Liste gibt es nicht, und eine übernommene Liste wirkt schlechter als eigene Regeln. Regeln, die ein Team aus eigenen Erfahrungen ableitet, treffen die Stellen, an denen es tatsächlich hakt. Übernommene Regeln wie „Wir respektieren einander“ klingen richtig, lassen sich aber nicht überprüfen und ändern deshalb nichts.
Was tun, wenn jemand gegen eine Teamregel verstößt?
Erst einmal ansprechen, freundlich und zeitnah, unter vier Augen oder in der Runde, je nachdem, was das Team vereinbart hat. Wiederholt sich der Verstoß bei mehreren Personen, spricht das eher gegen die Regel als gegen die Menschen: Sie ist dann zu streng, zu unklar oder passt nicht mehr. Das gehört in die nächste Überprüfung.
Wie oft sollte ein Team seine Regeln überprüfen?
Als Faustregel nach den ersten vier Wochen und danach etwa einmal im Quartal, dazu immer, wenn jemand neu ins Team kommt. Die Überprüfung passt gut in eine Retrospektive: Welche Regel halten wir ein, welche nicht, und warum? Regeln, die niemand mehr braucht, werden gestrichen.
Quellen
- Kanban Guide (abgerufen am 3. Oktober 2026)
- Scrum Guide 2020 (abgerufen am 3. Oktober 2026)