ZusammenarbeitAnleitung
Brainstorming: Regeln, Ablauf und bessere Varianten
Inhalt dieses Artikels

Am Ende dieser Anleitung hast du eine Brainstorming-Runde geleitet, die mit einer sortierten Ideenliste endet statt mit den Einfällen derer, die am schnellsten reden. Brainstorming ist eine Kreativitätstechnik, bei der eine Gruppe zu einer offenen Frage möglichst viele Ideen sammelt und die Bewertung bewusst auf später verschiebt.
Der Ablauf unten weicht in einem Punkt vom klassischen Zurufen ab: Alle schreiben zuerst still für sich. Das bringt nachweislich mehr Ideen.
Die vier Brainstorming-Regeln nach Osborn
Brainstorming geht auf den amerikanischen Werbefachmann Alex F. Osborn zurück, der die Methode 1953 in seinem Buch „Applied Imagination“ beschrieb. Er stellte vier Regeln auf, die bis heute gelten, etwa in der Methodenkartei der Universität Oldenburg:
- Keine Kritik beim Sammeln. Jede Bewertung, auch ein Stirnrunzeln, bremst die nächste Idee. Kritik ist erlaubt, aber erst in der Phase danach.
- Ungewöhnliche Ideen sind erwünscht. Eine abwegige Idee kann eine brauchbare auslösen. Wer nur Vernünftiges sagt, wiederholt, was schon alle denken.
- Menge vor Güte. Je mehr Ideen auf dem Tisch liegen, desto größer die Auswahl. Die Qualität entsteht beim Auswählen, nicht beim Sammeln.
- Ideen aufgreifen und verbessern. Wer eine Idee eines anderen weiterdenkt oder zwei kombiniert, tut genau das, wofür die Runde da ist.
Warum klassisches Brainstorming weniger Ideen bringt als gedacht
Das mündliche Brainstorming in der Gruppe bringt weniger Ideen als dieselben Personen allein. Eine Metaanalyse von Brian Mullen, Craig Johnson und Eduardo Salas fasste 1991 die Studien dazu zusammen: Gruppen, die mündlich brainstormen, erzeugen weniger Ideen als gleich viele Einzelne, deren Ideen man anschließend zusammenlegt.
Den Hauptgrund hatten Michael Diehl und Wolfgang Stroebe 1987 in Experimenten gefunden: die Produktionsblockade. Im Gespräch kann immer nur eine Person sprechen. Die anderen warten, vergessen ihre Idee oder verwerfen sie, weil sie nicht mehr passt.
Daraus folgt der Ablauf in dieser Anleitung: erst still allein schreiben, dann gemeinsam vorstellen und weiterspinnen. So bleibt der Vorteil der Gruppe erhalten, nämlich auf den Ideen der anderen aufzubauen, ohne dass jemand warten muss.
Was du vorher brauchst
Eine offene Frage. „Wie könnten neue Kundinnen und Kunden schneller zurechtkommen?“ öffnet den Raum, „Sollen wir ein Video drehen?“ schließt ihn. Die Frage beginnt am besten mit „Wie“ oder „Was“.
Die richtige Gruppe. Als Faustregel vier bis acht Personen, die mit dem Thema zu tun haben, aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Material. Karten und Stifte im Raum oder eine digitale Fläche für alle, vorbereitet vor dem Termin.
Eine Moderation ohne eigenes Anliegen. Wer moderiert, achtet auf Regeln und Zeit und bringt keine eigenen Ideen ein. Welche Haltung das verlangt, steht in der Übersicht der Moderationstechniken.
Brainstorming in sechs Schritten
Die Frage sichtbar aufschreiben
Schreib die Frage groß an die Wand oder oben auf die digitale Fläche, sodass alle sie die ganze Zeit sehen. Lies sie einmal laut vor und kläre Verständnisfragen. Eine Frage, die während des Sammelns umgedeutet wird, liefert Ideen zu verschiedenen Themen.
Die Regeln ansagen
Nenne die vier Regeln: keine Kritik beim Sammeln, ungewöhnliche Ideen sind erwünscht, Menge vor Güte, Ideen anderer aufgreifen. Sag dazu, dass die Bewertung später kommt und dass du als Moderation auf die Regeln achtest. So kannst du später freundlich darauf verweisen.
Still allein schreiben
Gib allen fünf bis zehn Minuten, um für sich zu schreiben: eine Idee pro Karte, gut lesbar. Niemand spricht. Diese Phase verhindert die Produktionsblockade und sorgt dafür, dass auch die Ideen der Stillen auf dem Tisch landen.
Reihum vorstellen und weiterspinnen
Jede Person stellt reihum eine Karte vor und hängt sie auf, bis alle Karten hängen. Neue Ideen, die dabei entstehen, kommen sofort auf eine neue Karte. Kritik bleibt weiter ausgeschlossen; Nachfragen zum Verständnis sind erlaubt.
Ideen ordnen
Schiebt gemeinsam zusammen, was zusammengehört, und gebt jeder Gruppe eine kurze Überschrift. Doppelte Karten bleiben übereinander hängen, sie zeigen, was mehreren Personen eingefallen ist. Nach diesem Schritt ist aus vielen Karten eine überschaubare Liste geworden.
Auswählen und den nächsten Schritt festlegen
Jede Person bekommt drei Punkte und verteilt sie auf die Gruppen, die sie weiterverfolgen will. Für die zwei oder drei Gruppen mit den meisten Punkten legt ihr fest, wer was bis wann prüft oder ausprobiert. Ohne diesen Schritt bleibt die Ideenliste ein Foto im Chat.
Für das Ordnen und Auswählen gibt es eigene Techniken: Clustern und die Mehrpunktabfrage sind in der Übersicht zu Kartenabfrage, Clustern und Mehrpunktabfrage ausführlich beschrieben. Das stille Schreiben vor dem Gespräch kennst du vielleicht aus der Retrospektive; es wirkt dort aus demselben Grund.
Typische Fehler beim Brainstorming
Bewerten beim Sammeln. „Das haben wir schon probiert“ ist Kritik, auch wenn es freundlich klingt. Unterbrich sofort und bitte darum, den Einwand für die Auswahl aufzuheben. Ein einziger solcher Satz in der Sammelphase reicht, damit die nächsten Ideen vorsichtiger werden.
Die ranghöchste Person spricht zuerst. Wer zuerst spricht, setzt den Rahmen, und bei einer Führungskraft richten sich die anderen danach. Das stille Schreiben löst das Problem zum Teil; beim Vorstellen sollte die Führungskraft zuletzt drankommen. Mehr dazu, wer in Besprechungen zu Wort kommt, steht im Artikel über Unternehmenskultur.
Eine geschlossene oder zu enge Frage. Eine Frage, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann, liefert keine Ideen, sondern Meinungen. Formuliere sie vorher um, notfalls mit der Gruppe.
Kein Abschluss. Eine volle Wand fühlt sich produktiv an. Ohne Auswahl und nächsten Schritt passiert danach aber nichts, und beim nächsten Mal kommen weniger Ideen, weil die letzten folgenlos waren.
Varianten: Brainwriting, Kopfstand und Brainstorming im Call
Drei Varianten passen zu Lagen, in denen das klassische Brainstorming an Grenzen stößt: Brainwriting für große oder zurückhaltende Gruppen, die Kopfstandmethode für festgefahrene Themen und das Brainstorming im Call für verteilte Teams.
Brainwriting 6-3-5
Beim Brainwriting schreiben alle gleichzeitig, und niemand spricht. In der bekanntesten Form, der Methode 6-3-5 von Bernd Rohrbach aus dem Jahr 1968, bekommen sechs Personen je ein Blatt mit der Frage. Jede schreibt drei Ideen darauf und reicht das Blatt weiter; nach fünfmal Weiterreichen hat jedes Blatt alle Teilnehmenden gesehen. Die Fünf steht also für das Weiterreichen, nicht für fünf Minuten, auch wenn eine Runde je nach Frage drei bis fünf Minuten dauert.
Der Vorteil: Jede Idee wird von den anderen aufgegriffen, ohne dass jemand wartet. Die Methodenkartei der Universität Oldenburg beschreibt dieselbe Mechanik mit drei Minuten pro Runde. Für größere Gruppen bildest du mehrere Sechserrunden.
Kopfstandmethode
Die Kopfstandmethode stellt die Frage auf den Kopf. Statt „Wie kommen neue Kundinnen und Kunden schneller zurecht?“ fragt die Gruppe: „Was müssten wir tun, damit sie möglichst lange brauchen?“ Auf die umgekehrte Frage gibt es keine falschen Antworten, deshalb fallen die Einfälle leichter.
Im zweiten Schritt dreht die Gruppe jede Antwort wieder um: Aus „Wir verstecken die Hilfe im letzten Menü“ wird „Die Hilfe steht auf der Startseite“. Die Methode eignet sich für Themen, bei denen die Runde schon alle naheliegenden Ideen kennt.
Brainstorming im Call
Im Call kann ohnehin nur eine Person gleichzeitig sprechen; die Produktionsblockade wirkt dort genauso wie im Raum, nur fällt das Warten weniger auf. Trenne die Phasen deshalb strikt: Das Sammeln passiert still auf einer gemeinsamen Fläche, das Vorstellen danach reihum mit eingeschalteter Kamera.
Bereite die Fläche vor dem Termin vor und schick den Link vorab. Für verteilte Teams lohnt es sich, die Schreibphase schon vor den Termin zu legen: Wer am Vortag Ideen notiert, kommt mit mehr Abstand in die Runde. Wie du ein Meeting im Call mit einer kurzen Runde eröffnest, zeigen die Check-in-Fragen für Meetings.
Weitere Anleitungen für die Zusammenarbeit im Team stehen in der Übersicht.
Fragen und Antworten
Was ist Brainstorming?
Brainstorming ist eine Kreativitätstechnik, bei der eine Gruppe zu einer offenen Frage möglichst viele Ideen sammelt und die Bewertung bewusst auf später verschiebt. Beschrieben hat sie der amerikanische Werbefachmann Alex F. Osborn 1953 in seinem Buch „Applied Imagination“. Der Kern sind vier Regeln: Menge vor Güte, keine Kritik beim Sammeln, ungewöhnliche Ideen sind erwünscht, Ideen anderer dürfen aufgegriffen werden.
Welche Regeln gelten beim Brainstorming?
Die vier Regeln nach Osborn: Kritik ist während des Sammelns ausgeschlossen. Ungewöhnliche Ideen sind ausdrücklich erwünscht. Die Menge zählt, je mehr Ideen, desto besser. Ideen anderer dürfen aufgegriffen, kombiniert und verbessert werden. Bewertet wird erst, wenn die Sammlung abgeschlossen ist. Wer die Regeln zu Beginn laut ansagt, kann später darauf verweisen, wenn jemand doch kritisiert.
Wie viele Personen sollten an einem Brainstorming teilnehmen?
Eine feste Zahl gibt es nicht. Als Faustregel funktionieren vier bis acht Personen gut. Bei weniger fehlen unterschiedliche Blickwinkel, bei mehr sprechen wenige und die meisten hören zu. Für große Runden eignen sich Formate, in denen alle gleichzeitig schreiben.
Wie lange dauert ein Brainstorming?
Als Faustregel 30 bis 45 Minuten für den ganzen Ablauf: fünf Minuten für Frage und Regeln, fünf bis zehn Minuten stilles Schreiben, 15 Minuten Vorstellen und Weiterspinnen, zehn Minuten Ordnen und Auswählen. Wer länger sammelt, bekommt vor allem müdere Teilnehmende. Wichtiger als die Dauer ist, dass am Ende ein nächster Schritt feststeht.
Was ist der Unterschied zwischen Brainstorming und Brainwriting?
Beim Brainstorming werden Ideen mündlich in der Gruppe gesammelt, beim Brainwriting schreiben alle gleichzeitig still auf Papier oder Karten. Brainwriting vermeidet damit das Problem, dass immer nur eine Person sprechen kann. Die bekannteste Form ist die Methode 6-3-5: sechs Personen schreiben je drei Ideen auf ein Blatt und reichen es fünfmal weiter.
Funktioniert Brainstorming online?
Ja, wenn du die Phasen trennst. Im Call kann ohnehin nur eine Person gleichzeitig sprechen, deshalb sollte das Sammeln still auf einer gemeinsamen digitalen Fläche passieren. Erst danach stellt jede Person ihre Ideen vor. Wichtig ist, die Fläche vorher vorzubereiten und den Link vor dem Termin zu verschicken, damit niemand die Schreibphase mit Suchen verbringt.
Quellen
- Osborn: Applied Imagination (1953), Internet Archive (abgerufen am 3. Oktober 2026)
- Methodenkartei der Universität Oldenburg: Brainstorming (abgerufen am 3. Oktober 2026)
- Diehl, Stroebe: Productivity Loss in Brainstorming Groups, Journal of Personality and Social Psychology 1987 (abgerufen am 3. Oktober 2026)
- Mullen, Johnson, Salas: Productivity Loss in Brainstorming Groups. A Meta-Analytic Integration, Basic and Applied Social Psychology 1991 (abgerufen am 3. Oktober 2026)
- Methodenkartei der Universität Oldenburg: Brainwriting (abgerufen am 3. Oktober 2026)
- Methode 635 (Wikipedia) (abgerufen am 3. Oktober 2026)
- Kopfstandmethode (Wikipedia) (abgerufen am 3. Oktober 2026)