ZusammenarbeitAnleitung

Retrospektive moderieren: Anleitung in sieben Schritten

· Redaktion · 3 Min. Lesezeit

Inhalt dieses Artikels
  1. Was du vorher brauchst
  2. Retrospektive moderieren: die sieben Schritte
  3. Typische Fehler
  4. Varianten
Moderatorin an leerer Wand, drei Personen schreiben still Karten für die Retrospektive
KI-generiert

Am Ende dieser Anleitung hast du eine Retrospektive geführt, die mit ein bis drei beschlossenen Maßnahmen endet — jeweils mit Namen und Termin, statt mit guten Vorsätzen.

Der Unterschied zwischen einer wirksamen und einer folgenlosen Retrospektive liegt selten am Format. Er liegt an der Zeiteinteilung: Wer zwei Drittel des Termins mit Sammeln verbringt, kommt zu keinem Beschluss mehr.

Was du vorher brauchst

Drei Dinge, alle vor dem Termin geklärt. Erstens den Zeitraum: Worauf blickt ihr zurück — die letzten zwei Wochen, das abgeschlossene Vorhaben, den letzten Sprint? Ohne diese Festlegung reden fünf Personen über fünf verschiedene Zeiträume.

Zweitens die Teilnehmerliste. Dabei sind die, die gemeinsam gearbeitet haben. Soll jemand darüber hinaus teilnehmen, wird das vorher besprochen und begründet, nicht am Morgen des Termins entschieden.

Drittens eine Fläche zum Sammeln: Whiteboard, Pinnwand oder ein digitales Board. Wichtig ist, dass alle gleichzeitig schreiben können — genau das unterscheidet die Retrospektive von einer Gesprächsrunde.

Retrospektive moderieren: die sieben Schritte

  1. Zeitraum und Leitfrage festlegen

    Lege vor dem Termin fest, worauf ihr zurückblickt und unter welcher Frage. Eine offene Frage wie „Was hat unsere Arbeit in den letzten zwei Wochen leichter oder schwerer gemacht?" liefert brauchbarere Beiträge als „Was lief gut, was schlecht?". Die Frage kommt sichtbar an die Wand.

  2. Ankommen lassen

    Beginne mit einer kurzen Runde, in der jede Person einen Satz sagt — zur Stimmung, zur Woche, egal wozu. Der Zweck ist nicht Aufwärmung, sondern Stimmgebrauch: Wer in den ersten fünf Minuten einmal gesprochen hat, meldet sich später deutlich eher. Zwei Minuten für die ganze Runde genügen.

  3. Fakten sammeln

    Tragt zuerst zusammen, was tatsächlich passiert ist: abgeschlossene Aufgaben, Störungen, Urlaube, Termine. Diese Faktenbasis verhindert, dass die Runde über unterschiedliche Erinnerungen diskutiert. Zehn Minuten reichen, und der Zeitstrahl bleibt während des ganzen Termins sichtbar.

  4. Still schreiben lassen

    Jede Person notiert einzeln und schweigend ihre Beiträge zur Leitfrage — eine Aussage pro Karte, Stichworte genügen. Fünf bis acht Minuten. Dieser Schritt ist der wichtigste der ganzen Anleitung: Er sorgt dafür, dass die Beiträge nicht von den ersten beiden Wortmeldungen vorgeprägt sind.

  5. Ordnen und Schwerpunkt wählen

    Lest die Karten vor und schiebt sie nach inhaltlicher Nähe zusammen, ohne vorher Kategorien festzulegen. Danach verteilt jede Person Klebepunkte auf die Gruppen. Der Schwerpunkt ergibt sich aus der Punkteverteilung — ihr bearbeitet ein Thema, nicht alle.

  6. Maßnahmen beschließen

    Erarbeitet zum gewählten Schwerpunkt ein bis drei Maßnahmen. Jede bekommt eine verantwortliche Person und einen Termin, beides laut ausgesprochen und mitgeschrieben. Eine Maßnahme, die bis zum nächsten Termin nicht abgeschlossen sein kann, ist zu groß geschnitten.

  7. Abschließen und nachfragen

    Lest die Maßnahmen noch einmal vor, damit alle dasselbe verstanden haben. Fragt zum Schluss in einer kurzen Runde, was am Termin selbst gut war und was beim nächsten Mal anders sein sollte. Diese zwei Minuten verbessern die Retrospektive schneller als jede gelesene Anleitung.

Mindestens ein Drittel der Zeit gehört den Maßnahmen — alles davor ist nur Vorbereitung.
Zeitbalken über 60 Minuten, das letzte Drittel farbig für Maßnahmen
Faustregel für 60 Minuten: mindestens ein Drittel gehört den Maßnahmen. · Eigenes Bild

Typische Fehler

Der zweite Fehler ist die moderierende Person mit eigenem Anliegen. Wer den Termin führt und gleichzeitig ein Thema durchsetzen will, stellt Fragen, die zum Ziel führen. Das Team merkt es und stellt die Mitarbeit ein — höflich, aber vollständig.

Der dritte Fehler betrifft den Umgang mit dem Ergebnis. Wenn die gesammelten Karten anschließend verteilt oder fotografiert weitergegeben werden, verändert sich beim nächsten Mal, was geschrieben wird. Nach außen gehen die Maßnahmen, nicht die Beiträge.

Varianten

SituationDauer (Faustregel)Anpassung
Team mit drei Personen45 Min.Punktevergabe entfällt, Schwerpunkt im Gespräch wählen
Verteiltes Team90 Min.jede Phase mit sichtbarer Zeitangabe, Sammeln in Breakout-Räumen
Nach einem größeren Vorfall120 Min.Faktenschritt ausbauen, Schuldfrage ausdrücklich ausklammern
Erste Retrospektive überhaupt60 Min.Ablauf vorher erklären, nur eine Maßnahme beschließen
Angespannte Lage im Team90 Min.Moderation von außerhalb des Teams holen

Bei verteilten Teams ist die stille Schreibphase noch wichtiger als im Raum, weil im Call ohnehin nur eine Person gleichzeitig sprechen kann. Das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg hat 33 Formate aufbereitet, die mit Breakout-Räumen funktionieren.

Wenn niemand im Team die Moderation übernehmen kann oder soll, ist das eine der Kernaufgaben eines Agile Coach — die Rolle bringt genau den fehlenden Abstand mit.

Weitere Artikel zur Zusammenarbeit stehen unter Zusammenarbeit, die Methodenartikel unter Methoden.

Fragen und Antworten

Wer sollte die Retrospektive moderieren?

Jemand, der nicht selbst Partei ist. In vielen Teams wechselt die Moderation reihum, was den Vorteil hat, dass alle die Rolle einmal erlebt haben. Bei angespannter Lage lohnt sich eine Person von außerhalb des Teams — moderieren und gleichzeitig ein eigenes Anliegen vertreten funktioniert nicht, weil jede Frage dann als Steuerung gehört wird.

Wie lange sollte eine Retrospektive dauern?

Als Faustregel gilt: Für einen Rückblick auf zwei Wochen sind 60 bis 90 Minuten ein guter Rahmen. Der Scrum Guide setzt bei einem Monatssprint eine Obergrenze von drei Stunden. Wichtiger als die Gesamtdauer ist die Aufteilung: Mindestens ein Drittel gehört der Auswahl und den Maßnahmen, sonst endet der Termin mit einer Sammlung und ohne Beschluss.

Was tun, wenn immer dieselben Themen kommen?

Das ist ein Befund, kein Störfall. Wiederkehrende Themen bedeuten entweder, dass die beschlossenen Maßnahmen nicht umgesetzt wurden, oder dass die Ursache außerhalb des Teams liegt. Sprich das offen an und trenne beides — im ersten Fall braucht ihr kleinere Maßnahmen, im zweiten jemanden, der das Thema weiterträgt.

Sollte die Führungskraft dabei sein?

Standardmäßig nicht. Sobald jemand mit Bewertungsmacht im Raum sitzt, verändert sich, was gesagt wird — unabhängig davon, wie gut das Verhältnis ist. Wenn ein Thema die Führungskraft betrifft, ist ein eigener Termin die bessere Lösung als eine erweiterte Runde.

Wie oft sollte man das Format wechseln?

Seltener als oft empfohlen. Ein bekanntes Format spart Erklärzeit und lässt das Team direkt einsteigen. Ein Wechsel lohnt sich, wenn die Beiträge dünner werden oder ein bestimmtes Thema ein anderes Vorgehen braucht — nicht als Abwechslung um ihrer selbst willen.

Was gehört ins Protokoll?

Nur die Maßnahmen mit verantwortlicher Person und Termin, dazu der gewählte Schwerpunkt. Die gesammelten Beiträge bleiben im Team und werden nicht verteilt — sonst überlegt beim nächsten Mal jeder, wie sein Beitrag außerhalb des Raums wirkt. Diese Trennung ist die Voraussetzung für offene Beiträge.

Quellen

  1. Scrum Guide 2020 (abgerufen am 14. August 2026)
  2. Liberating Structures — 33 Methoden (Landesmedienzentrum Baden-Württemberg) (abgerufen am 14. August 2026)

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